Heft 04 · Juni 2026
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Musik · Volkslied · Sasayama

Dekansho-bushi: Das Volkslied aus Sasayama, das Descartes, Kant und Schopenhauer im Namen trägt

Ein japanisches Studentenlied, eine volkstümliche Etymologie und ein Festival in Tamba-Sasayama — die Lied-Tradition als Kultur-Brücke.

Ein Lied, drei Philosophen-Namen

Das Dekansho-bushi (デカンショ節) gehört zu jenen japanischen Volksliedern, deren Bekanntheit weit über ihren Entstehungsort hinausreicht, ohne dass die meisten, die es kennen, sagen könnten, woher es eigentlich stammt. Es kommt aus Sasayama, einer Burgstadt im nördlichen Teil der Präfektur Hyōgo, die seit 2019 offiziell Tamba-Sasayama (丹波篠山) heißt. In der späten Meiji- und in der Taishō-Zeit verließ das Lied die Region und wurde, in Studentenheimen vor allem der Tokyōter Hochschulen gesungen, zu einer Art inoffiziellen Hymne der akademischen Jugend.

Mit der Verstädterung wuchs ihm dort eine Lesart zu, die in Sasayama selbst niemand kannte: Aus den drei Silben De-kan-sho hörten die Studenten die Namen Descartes, Kant und Schopenhauer heraus — die drei westlichen Philosophen, die im Curriculum der frühen kaiserlichen Universitäten besonders prominent waren. Ob diese Ableitung philologisch trägt, ist eine zweite Frage. Als kulturelles Erinnerungsbild ist sie längst Teil des Liedes geworden.

Sasayama, die Burgstadt und ihre Tanzlieder

In Sasayama selbst lassen sich Vorformen des Liedes bis ins 17. und 18. Jahrhundert zurückverfolgen. Die Region kennt eine reiche Tradition von bon-odori, den sommerlichen Tanzliedern zum buddhistischen Ahnen-Fest, und von Arbeitsliedern, die auf den Reisterrassen und beim Sake-Brauen gesungen wurden. Eine ältere, oft genannte Vorstufe ist das Mitsugi-bushi aus dem benachbarten Tango, dessen Refrain und Melodieführung dem späteren Dekansho-bushi in Teilen nahekommt. Auch die Lieder der saisonalen Sake-Brauer, der Tamba-tōji, die aus Sasayama kamen und in fremden Brauereien arbeiteten, gehören in den Hintergrund.

Die regionale Form trug in der Edo-Zeit verschiedene Namen — Dekkansho, Tekansho — und war ein Lied zum gemeinsamen Trinken, zum Tanzen, zum Verkürzen langer Winter. Erst in den 1890er Jahren wanderte es, vermutlich über Studenten der Hyōgoer Mittelschulen, nach Tokyō und Kyōto.

Die Akronym-Etymologie: zwei Lesarten

Über den Namen wird seit gut hundert Jahren gestritten. Die volkstümliche Lesart liest De-Kan-Sho als Kürzel der drei Philosophen-Namen und datiert die Wortbildung auf die akademischen Wohnheime der Meiji-30er Jahre (also kurz nach 1897). Quellen aus den Studenten-Internaten der Ersten Höheren Schule in Tokyō, die in den 1910er Jahren entstehen, beschreiben den Gesang ausdrücklich so.

Die philologische Lesart hält dagegen: Der Refrain Yoi-yoi-Dekansho sei in Sasayama nachweislich älter als jeder westliche Philosophie-Unterricht in Japan. Wahrscheinlicher sei eine Ableitung aus den älteren regionalen Tanzrufen — möglicherweise aus Dekkansho im Sinne von dete koi shō („komm doch heraus”) oder aus einem dialektalen Imperativ, der zur Teilnahme am Tanz auffordert. Die akademische Umdeutung wäre dann eine spätere, sehr produktive Volksetymologie.

Beide Lesarten lassen sich nicht ineinander auflösen. Sie gehören verschiedenen Phasen desselben Liedes an: der dörflich-bäuerlichen und der städtisch-akademischen.

Das Dekansho-Festival in Tamba-Sasayama

Heute lebt das Lied vor allem im Dekansho-Festival (デカンショ祭) fort, das seit den 1950er Jahren jährlich Mitte August in Tamba-Sasayama stattfindet, traditionell am 15. und 16. August, also über die o-bon-Tage. Auf dem zentralen Platz vor dem Burggraben wird ein hoher hölzerner yagura errichtet; Tausende Tänzerinnen und Tänzer in yukata bewegen sich in konzentrischen Kreisen um diesen Turm, während von der Plattform aus Trommler und Sängerinnen die Strophen vortragen. Der Refrain wird vom Publikum mitgesungen.

Das Lied hat heute über dreihundert dokumentierte Strophen — von alten Bauern-Versen über Spottverse auf die Obrigkeit der Edo-Zeit bis zu Strophen, die im 20. Jahrhundert auf das Studentenleben, später auch auf Lokalpolitik gedichtet wurden. Jedes Jahr werden in einem offenen Wettbewerb neue Strophen eingereicht.

Japan Heritage 2015

Im April 2015 erkannte die japanische Kulturbehörde (Bunkachō) das Dekansho-bushi gemeinsam mit der Burgstadt-Landschaft von Sasayama als Japan Heritage (日本遺産) an. Der Titel, der seit 2015 vergeben wird, ist keine Welterbe-Auszeichnung, sondern eine binnenjapanische Kategorie für regionale Erzähl-Zusammenhänge, die Bauwerke, Bräuche und Lieder verbinden. Im Fall von Sasayama heißt der Story-Titel sinngemäß „Dekansho-bushi — Lied der hundert Strophen, die die Geschichte einer Burgstadt erzählen”.

Die Anerkennung hat das Lied aus der reinen Festival-Praxis in eine kulturpolitisch beobachtete Position gehoben. Ob das der Lied-Tradition guttut, wird vor Ort durchaus differenziert diskutiert: Sichtbarkeit bringt Mittel, aber auch eine gewisse Erstarrung dessen, was lange ein offenes, ständig umgedichtetes Genre war.

Was bleibt

Für ein Magazin, das die Brücke zwischen deutscher Philosophie, japanischer Religion und ihren Übersetzungen sucht, ist das Dekansho-bushi ein günstiger Ausgangspunkt — gerade weil der Namens-Witz mit den drei Philosophen sich am Ende nicht beweisen lässt. Was sich beweisen lässt, ist das Andere: dass Japan in einer bestimmten Phase seiner Modernisierung die Namen Descartes, Kant und Schopenhauer aus den Lehrbüchern in seine Trink- und Tanzlieder übernommen hat — und dass diese Übernahme bis heute klingt, wenn im August die Trommler auf den yagura steigen.

Ein Lied, das sich seinen Namen selbst zurechtlegt — und damit Recht behält.


Ressort: Musik